Mit dem Tanklöschfahr-zeug zu fahren, ist Millimeter-arbeit.

Das Polizeifahrzeug, das den Konvoi anführt, kommt problemlos vorbei, doch das große Tanklöschfahrzeug (TLF) der Feuerwehr steckt fest. Ein Unimog mit Anhänger blockiert die Durchfahrt in der Stettener Pommerstraße. Maschinist Bernd Großmann schüttelt den Kopf. ‚Bevor der nicht wegfährt, kommen wir nicht weiter‘, sagt er und setzt zum Rückwärtsfahren an. Bei der gemeinsamen Erkundung der Engstellen in der Gemeinde durch Feuerwehr und Polizei ist das möglich, es geht schließlich nicht um Leben und Tod. ‚Aber bei einem Einsatz geht es um Sekunden, und dann stehen hinter mir noch mehr Feuerwehrfahrzeuge‘, sagt der Fahrer. Wenn gar nichts mehr helfe, gebe es deshalb einen Trick, sagt Großmann. ‚Als Notlösung heben wir mit vier Schaufeln unter den Rädern und vier Mann den Wagen hoch und versetzen ihn, aber es kostet alles wertvolle Zeit.

Der Kernener Feuerwehrkommandant Andreas Wersch heftet einen gelben Zettel hinter die Scheibenwischer: ‚Stell Dir vor, es brennt – und keiner kommt…‘. Es sei eine reine Information, betont Wersch. Obwohl er noch kein Bußgeld bezahlen muss, eilt der Unimogfahrer jetzt doch herbei, entschuldigt sich und entfernt sein Fahrzeug. ‚Er konnte nicht in seinen Hof fahren, weil ein Handwerkerauto dort steht, deshalb hat er auf der Straße geparkt‘, erzählt Bernd Baldauf, der Gemeindevollzugsbediensteter, und Bernd Großmann legt wieder den Vorwärtsgang ein.

Wenn es brennt, muss es schnell gehen, doch es kommt immer wieder vor, dass Einsatzfahrzeuge von Feuerwehr und Rettungsdiensten die Kernener Straßen nur erschwert, schlimmstenfalls auch gar nicht befahren können. Deshalb soll das Bewusstsein der Bürger geschärft und ihre Parkmoral verbessert werden. Bernd Großmann steuert das 2,80 Meter breite und knapp sieben Meter lange TLF. Drei Meter Mindestbreite braucht er für sein Gefährt. Die Kontrollfahrt soll zeigen, ob die überall gewährleistet ist. Zumindest fast überall. Denn in den engen Gässchen, wie der Kleinen Steige oder der Rosenstraße ist auch ohne Parksünder kein Durchkommen für das Tanklöschfahrzeug. ‚Da hilft nur, weiter weg parken und Schläuche ausrollen‘, sagt Bernd Großmann lakonisch.

In der Brühlstraße leistet der Fahrer Millimeterarbeit beim Manövrieren, ebenso in der Albert-Moser-Straße. Auch die Straßen im Kleinen Feldle sind eng, aber mit viel Fingerspitzengefühl noch passierbar für das große Feuerwehrauto. Nach zwei Stunden ist die Erkundungsfahrt zu den Engstellen zu Ende, und Andreas Wersch überrascht über die diesmal vergleichsweise gute Parkmoral. ‚Denn normalerweise lässt die stark zu wünschen übrig, was aber kein Kernener Phänomen ist.

Fast den ganzen Stapel an Info-Blättern vom Ordnungsamt mit der Überschrift ‚Freie Fahrt für schnelle Hilfe‘ kann Andreas Wersch wieder mit ins Feuerwehrgerätehaus nehmen. Auch Bürgermeister Stefan Altenberger hat nach der Rundfahrt ein wenig konsterniert aus der Wäsche geschaut. Normalerweise sehe es auf den Straßen anders aus., sagt er. ‚Ich weiß es, ich bin oft mit dem Fahrrad unterwegs, aber entweder sind wir zu früh unterwegs gewesen, und viele sind noch im Geschäft, oder, die parken alle so diszipliniert wegen der Müllabfuhr am nächsten Morgen.

Dass die gute Parkmoral Ausnahme ist, zeigte sich nur wenige Stunden später. Bei einem nächtlichen Einsatz – zum Glück nur wegen einer angebrannten Pizza – habe ein Fahrzeug in der Wielandstraße behindernd geparkt, sagt Kommandant Wersch. ‚Wir mussten zum Teil mit Einsatzfahrzeugen rangieren.

Quelle: Fellbacher Zeitung vom 19.10.2012, Eva Herschmann