Für seltene Amphibien lässt die Gemeinde Kernen Krötenzirkel herstellen

Fellbacher ZeitungVier Mal muss Bernd Großmann, der Gerätewart der Freiwilligen Feuerwehr Stetten, das feuerrote Tanklöschfahrzeug wieder ins Tal fahren, bis die neuen ovalen Krötenzirkel vollgelaufen sind. Andreas Wersch, der Kernener Feuerwehrkommandant und Gemeinderat, überwacht den ungewöhnlichen Einsatz am Samstagmorgen. Auch Bauamtsleiter Horst Schaal ist gekommen, um zuzuschauen, wie die wegen der Trockenheit noch leeren Betonschalen mit insgesamt 10 000 Litern Wasser befüllt werden.

Mit kleinen Hüpfern ziehen Kröten in feuchten lauen Nächten im Frühling aus ihren Waldverstecken zum Liebesakt. Manche Männchen, die ein Weibchen erobert haben, lassen sich von diesen sogar zum Stelldichein tragen. Diese traditionelle Wanderung zum Laichgewässer war in diesem Jahr für viele Amphibien allerdings ergebnislos. Die trockene Witterung sorgte dafür, dass manche gewohnten Laichplätze mangels ausreichendem Wasserstand nicht benutzbar waren oder der Laich Fressfeinden zum Opfer fiel. Die neuen Krötenzirkel auf der ehemaligen Abbaufläche des Sandwerks Bayer lagen bis zum Feuerwehr-Einsatz völlig trocken.

Dass Kröten, Frösche und Molche so viel Rücksicht benötigen, zeigt schon, dass deren Lebensraum vielerorts bedroht ist. Die Wechselkröte ist gar kurz vor dem Aussterben. Aber es gibt noch ein paar, dort, wo die Welt noch etwas besser in Ordnung scheint als anderswo. Sieben Standorte hat das vom Landratsamt mit Unterstützung der Sparkassen-Stiftung beauftragte Gutachterbüro GÖG im Rems-Murr-Kreis gefunden, einer davon liegt in Stetten.

Mancher mag diese Tiere für lästig, andere für hässlich halten – um sie habe die Behörde dennoch eine ‚besondere Schutzverantwortung‘, ließen die Beamten wissen und planten die Neuanlage geeigneter Laichplätze. Erste Nachweise hat es in Stetten übrigens auch von der nicht weniger gefährdeten Kreuzkröte und dem seltenen Laubfrosch gegeben. Die Kreuzkröten sind ausgerechnet auf dem Betriebsgelände im Steinbruch der Firma Bayer an der Straße zwischen Stetten und Esslingen gefunden worden. Dort werden sie auf Dauer keine Überlebenschancen haben und sollen umgesiedelt werden.

Die Wechselkröte wiederum lebt auf der anderen Seite der Straße, auf einer ehemaligen Abbau- und späteren Deponiefläche. Eigentlich muss die Firma dort wieder aufforsten, so ist es im Pachtvertrag für die ehemalige Waldfläche festgehalten. Weil die Wechselkröte sonnige Standorte bevorzugt, soll jetzt teilweise darauf verzichtet werden. Die wechselwarmen Tierchen erhielten neue Laichgewässer fürs frühlingshafte Treiben, so genannte Krötenzirkel, normalerweise kreisrunde Flächen mit etwa 10 Meter Durchmesser und, wie es die Amphibien mögen, sehr feucht. Regenwasser sollte sich zu temporären Tümpeln sammeln, doch weil der Regen ausblieb, musste die Feuerwehr ausrücken.

Damit die Kröten bei der Fortpflanzung ungestört bleiben, werden auch noch Palisaden aufgestellt, die, wie der Bauamtsleiter Horst Schaal sich ausdrückt, ‚Distanz zur umgebenden Landschaft‘ schaffen. Damit der Wald nicht zurückkehrt, werden 12 500 Quadratmeter Fläche beweidet. Schäfer Dieter Fischle und seine Herde, bekannt von der Kammerforstheide, erledigen das.

Was den Kröten gefällt, soll auch für den Beigeordneten und Bauamtsleiter eine Freude werden. Weil die Gemeinde Kernen zugunsten der pickeligen Fauna auf 10 000 Euro Holzertrag im Lauf von zehn Jahren verzichtet, erhält sie eine Entschädigung in wertvoller Währung: 20 000 Ökopunkte für den Nutzungsverzicht und sogar 200 000 Punkte für Verzicht darauf, den Wald nachwachsen zu lassen. Dieses Vermögen reicht aus, alle geplanten Eingriffe in die Natur für das Wohngebiet Tulpenstraße nach den dafür geltenden Öko-Tarifen auszugleichen. ‚Wir stehen in der Verpflichtung etwas zu tun. Der Charme liegt darin, zusätzliche Ökopunkte zu erhalten‘, sagt Horst Schaal. Der Gemeinderat Kernen hat das in seiner jüngsten Sitzung bei nur einer Gegenstimme bestätigt.

Die Krötentümpel sind günstig zu erhalten: Höchstens 20 000 Euro kosten sie, und der jährliche Aufwand beträgt 2500 Euro. Allerdings hat die Gemeinde bereits vor Jahren – anno 1999 im Zuge des Ausbaus des Schurwaldübergangs und der Rebflurbereinigung – schon eine Menge Kröten für die Kröten ausgegeben und fünf Tunnel für die Steinbruch-Unken von gegenüber gebaut. ‚500 000 Mark hat das damals gekostet‘, sagt Andreas Wersch.

Nach der Wasserspende haben sich der Feuerwehrkommandant und Horst Schaal die rund einen halben Meter hohen und 60 bis 70 Zentimeter breiten unterirdischen Gänge angeschaut. ‚Wir werden sie vom Laub so rasch wie möglich reinigen, damit sie wieder benutzt werden können, schließlich haben wir ein Interesse daran, dass unsere Kröten zu ihren Laichplätzen kommen‘, sagt der Bauamtsleiter.

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Foto: Fellbacher Zeitung

Quelle: FZ vom 15.04.2014, Eva Herschmann und Hans-Dieter Wolz